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AUTOR BEITRAG
THEMA: Make my Day
672 mal gelesen - 1 mal empfohlen
MatrixMorpheus
Filmkritik:
Empfohlen: Filmkritik wurde 1 mal empfohlen.
24.10.2002 15:35 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 789
Mitglied seit 15.07.2002
Der ganz normale Wahnsinn auf den Straßen, im Fernsehen, in unseren Köpfen.

D-Fens sitzt im Auto. Draußen brütende Hitze, die Hände kleben am Lenkrad, eine Fliege nervt ihn. Irgendwann steigt er aus und startet seinen Fußmarsch nach Hause.
So beginnt Joel Schumachers Film „Falling Down“. Obwohl schon 10 Jahre alt, ist dieser Film immer noch ein Hammer. Eine bitterböse, zynische Satire auf den amerikanischen Traum, den Frust der Vorstadtbewohner und auf die Gewaltbereitschaft der Menschen.
D-Fens Hintergrundgeschichte deckt sich im Laufe des Films immer weiter auf, so wie er selbst immer mehr sich selbst preisgibt und die Gewalt als Hilfe sucht. Er ist ja nur ein Mann, der nichts mehr zu verlieren hat. Seine Frau hat, ohne das er je etwas getan hat, eine Verfügung gegen ihn erhoben, sodass er seine Tochter nicht mehr sehen darf. Nicht mal zu ihrem Geburtstag. Er hat vor drei Monaten seinen Job verloren, war gesellschaftlich nicht tragbar. Jetzt sitzt er da, im Stau, auf einem Weg ohne Ziel, in einem Leben ohne Ziel, ohne Sinn. Da kann eine Kleinigkeit an einem schlechten Tag ausreichen, um jemanden ausrasten zu lassen. Im Prinzip könnte er keiner Fliege etwas zu Leide tun, aber an solchen Tagen...

Im folgenden darf man beobachten, wie D-Fens unbeirrbar seinen Weg nach Hause fortsetzt, wer ihn schlecht behandelt wird es spüren. Symbolischen Charakter bekommt dabei seine Bewaffnung. Anfangs mit nichts als einem Aktenkoffer, dessen Inhalt später zum Nachdenken anregt, was heute Besitz bedeutet. Im Weiteren Verlauf wechselt D-Fens seine Waffe nach jeder Begegnung mit einer anderen Person. Ein Baseballschläger, ein Messer, eine Pistole bis hin zur ganzen Tasche voller Automatik Pistolen und bis hin zum Raketenwerfer. D-Fens rüstet immer weiter auf, nimmt was er bekommen kann.
Auf seinem Weg trifft er auf jede Art von Stereotypen, Menschen gleichen sich heutzutage zu sehr, lassen sich in Sparten einteilen. Es gibt ausländische Händler, die falsch reagieren, die halbstarken Straßenjugendlichen, die ihre Klappe nicht halten können. Es gibt nervöse Chefs, deren Job ihr einziger Weg ist, sich besser zu fühlen, es gibt das aufdringliche Arschloch, was nur an sich denkt und natürlich den Nazi-Verschnitt, der im Hinterzimmer seine wahre Gesinnung zeigt. Sie alle sollten nach den heutigen Erlebnissen noch mal über ihr Leben nachdenken,es sei denn, sie sind dazu nicht mehr in der Lage. Wenn sie könnten, würden sie es aber wohl nicht tun.
D-Fens ist das egal, er will nur seine Tochter an ihrem Geburtstag sehen. Wer kann ihm das verübeln? Was hat er schon getan, dieser Kerl der mit Bürstenschnitt und Kassengestellbrille, sowie Krawatte und weißem Hemd etwas unsicher, fast schüchtern daher kommt. Wer konnte das erwarten, das so jemand so ausrasten würde? Aber ist seine Reaktion nicht irgendwie nachvollziehbar?
D-Fens findet sogar einen Seelenverwandten, der auch, gesellschaftlich nicht tragbar ist. In dieser Szene braucht D-Fens gar nichts zu sagen, er sieht den Mann, der sich gegen das System auflehnt, er bewundert diesen Mann obwohl er verliert. „Vergiss mich nicht.“ Mehr braucht es nicht. D-Fens sieht jemanden, dem es ähnlich geht wie ihm. Das System ist nun mal nicht perfekt, aber man kann etwas tun, um sich selbst damit besser zu fühlen.

Während D-Fens immer näher zum Ziel kommt, macht an anderer Stelle ein Polizist seinen Schreibtisch frei.
Prendergast geht in Rente. Frühzeitig. Sein letzter Arbeitstag, die Kollegen machen die üblichen Späße, aber er war nie wirklich beliebt. Hinter seinem Rücken wird über ihn geredet, der Chef traut ihm nichts mehr zu und nur eine jüngere Polizisten zeigt ein gewisses Interesse. Seit er den Außendienst gekündigt hat, weil seine Frau Angst um ihn hatte, halten ihn die Kollegen für ein Weichei, einen Versager der vor seiner Frau kuscht. Seine Frau will auch nun, das er aufhört. Prendergast kuscht auch hier vor seiner Frau, die ihn einschüchtert und seinen Weg bestimmt. Seit sie ein Kind verloren hatten, lebt sie in ständiger Angst, er kann gegen die aufbrausende und lautstarke Frau nichts tun. Er liebt sie, sagt er, doch eigentlich hat sie ihm nur geschadet, aber er liebt sie. Dieser Prendergast will sich und den Kollegen an seinem letzten Tag noch etwas beweisen. Er verfolgt D-Fens und ist am Ende der tragische Held.
Im Grunde ist ein Mann für D-Fens scheitern verantwortlich, der dank fieser Kollegen und schwieriger Frau im Ego verletzt wurde und nun noch einmal was schaffen will. D-Fens hätte es geschafft, wenn Prendergast den Fall nicht so engagiert angegangen wäre, zumindest für den Moment. Er hätte seine Tochter gesehen, wäre danach vielleicht wieder nach Hause gegangen, einiges wäre anders gelaufen. Doch der Konjunktiv bringt hier nichts, er hilft auch D-Fens nichts.

Am Ende hat man Mitleid mit D-Fens. Obwohl er Menschen schadet, sogar tötet, entwickelt man Sympathie mit dem Mann der sich nicht mehr alles gefallen lässt, der nicht mehr nur wegsieht, der zeigt, wenn ihn etwas nicht gefällt und den das Schicksal übel mitgespielt hat. Seine Mittel sind mit Sicherheit falsch, aber woher weiß man schon, was heutzutage falsch ist. Der ganz normale Wahnsinn eben, D-Fens ist der Fleisch gewordene Sohn des 20. Jahrhunderts. In einer Zeit in der Egoismus herrscht, das eigene Wohl viel zu viel zählt und wo keiner sagt was schief läuft, obwohl wir angeblich zivilisiert und in Demokratie leben. Jetzt ist D-Fens so weit, das er das nicht mehr mitmachen will.
Und weil in jedem, egal ob an der Oberfläche oder tief im Unterbewusstsein, eine gewisse Abscheu vor den Dingen herrscht, verzeiht man auch gerne einige Ungereimtheiten, die Schumacher widerfahren. Dafür experimentiert er mit Kamera, Schnitt und Ton sehr interessant und spart nicht mit schwarzem Humor und Sarkasmus. Michael Douglas und Robert Duval spielen beide hervorragend, ihre kaputten Charaktere. Der ganz normale Wahnsinn, eben.
Ein Film zum Nachdenken, sich selbst erkennen und ein Film der gleichzeitig blendend unterhält. Immer wieder ein Film dem man nur den Stempel mit dem Wort „Gut“ aufdrücken kann. Das gibt 90% - Nennt es Wahnsinn, aber das ist doch heutzutage normal.
D.C.L.
13.03.04 - 13:25 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 4360
Mitglied seit 10.01.04
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Sehr schöne Studie der Hauptfiguren!
Joel Schumacher hat übrigens auf die Frage, ob sein Film ein Aufruf zur Selbstjustiz gemeint: "Kein Kommentar - aber mal ehrlich: Kann sich nicht jeder von uns mit diesem Typen identifizieren!"
Erschreckend guter Film!

D.C.L.
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