|
|
|
|
THEMA: Das Experiment
3737 mal gelesen
- 2 mal empfohlen
|
|
Guy79
Filmkritik:
Empfohlen:
15.03.2008 17:20 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399
Mitglied seit 25.02.2002 |
-= Achtung SPOILER: dieser Beitrag verrät etwas über den Inhalt des Films! =-
Das Marie-Curie-Gymnasium, irgendwo in Deutschland.
Im Rahmen einer Projektwoche in der Schule, die Staatsformen behandeln soll, bekommt der Lehrer Rainer Wenger das Thema „Autokratie“. Wie bringt man den ihrerseits erklärten und aufgeklärten Schülern dieses Thema nahe, von denen sich keiner vorstellen kann, dass so etwas wie eine Diktatur in der heutigen Zeit in Deutschland je wieder passieren kann?
Der Idealist Wenger macht sich an den Plan und entwirft „Die Welle“, eine Bewegung, die unter der Maxime „Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!“ ein Gesicht bekommen soll. Der Plan geht auf, die Idee wird aufgenommen und rasch umgesetzt. Wenger ist genauso begeistert wie seine hochmotivierten Schüler und schnell entwickelt „Die Welle“ eine Eigendynamik, die sich schon bald gefährlich verselbständigen soll.
Interessant am Film „Die Welle“ ist der Umstand, dass auf die äußeren Gegebenheiten und das Umfeld seiner Protagonisten nur am Rande eingegangen wird. Es macht den Anschein, als befände sich das Gymnasium in einer der Gegenden von Deutschland, wo sich seine Bewohner keine Sorgen um ihr täglich‘ Brot machen müssen. Dieser Wohlstand spiegelt sich dann auch in der Ausstattung, zum Beispiel der der Schule, wider. Die Schule verfügt über ein Schwimmbad, in dem die Schüler nach dem Unterricht noch immer viel Zeit haben, zu üben und Wettkämpfe gegen andere Schulen zu bestehen, ferner gibt es Theaterclubs und sogar ein riesiges Büro für die Schülerzeitung. Kurzum, eine Schule, die eine kommende Bildungselite für Deutschland heranzieht.
Und genau in so einem Umfeld entfaltet dann auch „Die Welle“ seine zerstörerische Kraft. Wir bekommen Eindrücke von den Schülern. Hierbei legt Regisseur Gansel viel Wert auf Authentizität, indem er seinen Figuren keine verklärte Romantik oder Plakativität einhaucht, sondern sie mit der Sprache von heute kommunizieren lässt. Auch finden sich hier keine für den deutschen Film sonst typischen Pseudomarken, die richtige Marken ersetzen sollen, sondern es wird hier ganz offen über iPod, BMW und Nike gesprochen – eben genau davon, wovon die Kids von heute auch sprechen. Eine Identifikation mit den Darstellern und ihren Gepflogenheiten findet sofort statt. Wichtig ist es hierbei, die Figuren zu keiner Zeit zu überzeichnen.
Der schüchterne Underdog Tim etwa, auf dem Schulhof ein Niemand, von allen gehänselt und missachtet. Er sucht seinen Platz im Leben. Der Mustersportler Marco, der nicht im schicken Reihenhaus wohnt, sondern mit seiner alleinerziehenden Mutter in den Hochhaussiedlungen am Stadtrand, und seinen Traum verfolgt, eines Tages aus dieser Tristesse zu entkommen. Und nicht zuletzt der Lehrer Rainer Wenger, ein Neu-68er, der bei den Schülern beliebt ist und welche ihn mit Vornamen ansprechen, in der Lehrerschaft aber als Störenfried und Freidenker verschrien ist. Sie alle steuern ihren Teil zum großen Plot dar.
Das eigentliche Experiment findet nach anfänglichem Hin und Her dann aber doch Anklang bei allen Beteiligten. Wenger erkennt, dass er mit seiner Idee, die Schüler neu zu motivieren und ihnen eine Freude am Lernen zu schaffen genau die Basis ermöglicht, die der „Welle“ später genau den Nährboden liefert, um unkontrolliert zu sprießen. Auch tragen die Schüler, völlig begeistert von der Idee, endlich als Gemeinschaft und nicht als Mitglied einer Ellenbogengesellschaft aufzutreten, ihren Teil zum Puzzle bei. In einer wichtigen Szene ziemlich zu Beginn des Films stellt ein Junge auf einer Party die Frage, für was es sich in der heutigen Zeit und in ihrer Überflussgesellschaft überhaupt noch zu kämpfen lohnt. Dass die Leute in Deutschland doch im Grunde alles hätten und sich nie wirklich Sorgen um ihre Haut machen müssten. Auch bestünde keine Angst vor einem großen Krieg oder vor Bevormundung durch eine andere Nation. Das Abziehbild einer Jugend, die sich nach neuen bzw. alten Prinzipien sehnt, ist gar nicht mal so weit hergeholt. Doch sind die 68er und ihrer Revolutionen längst Geschichte und selbst die eigenen Eltern können den Kids nur noch bruchstückchenhaft davon berichten, „wie es früher mal war“.
Die „Welle“ rollt los und erfasst nicht nur den gesamten Kurs von Lehrer Wenger, sondern breitet sich schon bald durch ihre Faszination, ein Teil von einer Bewegung zu sein, über einen Großteil der Schule und der Schülerschaft aus. Und auch Wenger selbst genießt seine Position, da er sich nun endlich für voll genommen und verstanden fühlt. Und auch wenn ihm durch das Verhalten einiger Schüler manches Mal Zweifel kommen, merkt er doch zu spät, was er mit der „Welle“ losgetreten hat. Ganz besonderen Einfluss nimmt die neue Art der Gemeinschaft auf den Außenseiter Tim, der nun durch die Maxime „Macht durch Disziplin! Macht durch Gemeinschaft! Macht durch Handeln!“ zu einem Charakter heranreift, der respektiert wird, der sich durchsetzen kann und der durch seine Gruppenzugehörigkeit zu einem Machtinstrument wird. Dies lässt ihn Dinge tun, die er sich davor nie zu träumen wagte. Als das Experiment kippt und Tim seines neuen Lebens beraubt wird, bahnt sich eine noch viel größere Katastrophe an.
„Die Welle“ von Regisseur Dennis Gansel, der nach „Napola – Elite für den Führer“ ein weiteres Stück hochkarätigen deutschen Kinos abliefert, entfaltet seine ungeheure Wucht erst durch das erstklassige Zusammenspiel ihrer tollen Haupt- und Nebendarsteller. Wobei hier besonders Frederick Lau als Tim und Jennifer Ulrich als Karo besondere Erwähnung als Newcomer bekommen sollten. Ihre Rollen sind zwar darauf ausgelegt, zu polarisieren, doch Dank des hervorragenden Spiels der beiden Jugendlichen ist „Die Welle“ eben noch ein Stückchen besser als ein normaler Film zu einem ernsten Thema über die Jugend von heute. Mit viel Gefühl und Timing lässt Gansel seine Protagonisten agieren, setzt sie niemals der Falle eines Overactings aus und auch Jürgen Vogel als Rainer Wenger zeigt einmal mehr sein großes Talent, die verschiedensten Typen glaubwürdig zu spielen.
„Die Welle“ ist deutsches Kino at its best und sollte nicht nur Jugendlichen einen Kinobesuch wert sein, sondern auch allen, die gute Unterhaltung gepaart mit einer fesselnden Geschichte, tollen Darstellerleistungen und einem ordentlichen Schuß Dramatik suchen.
Das Ende, also die letzten 10 Minuten, von „Die Welle“ ist zudem das Beste, das ich seit langer Zeit gesehen habe. Das hat mir glatt den Boden unter den Füßen weggezogen.
Auch nicht nur deswegen bekommt „Die Welle“ von mir die Höchstwertung, sondern weil dies wirklich ein Film ist, an dem ich nicht ein bisschen auszusetzen habe.
Ganz großes Kino. |
|
zapper276
16.03.08 - 00:19 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 1255 Mitglied seit 29.04.03
|
Genau genommen ist es nicht das Marie-Curie-Gymnasium irgendwo in Deutschland, sondern irgendein Gymnasium irgendwo in Deutschland.
Das Marie-Curie-Gymnasium in Dallgow-Döberitz ist "nur" die Schule, in der der Film gedreht wurde. |
|
Guy79
16.03.08 - 00:57 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Genau genommen geht der Film mit seinem Gymnasium hausieren, da in vielen Einstellungen Logos dieser Schule auf T-Shirts zu sehen sind. Dass es derer nicht nur das in Dallgow-Döberitz, sondern sicherlich noch hunderte mehr mit demselben Namen gibt, verleiht meiner Aussage ja nun nicht weniger Kraft. |
|
zapper276
16.03.08 - 01:23 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 1255 Mitglied seit 29.04.03
|
Das mit den Logos ist mir gar nicht aufgefallen. |
|
ulysses everett
16.03.08 - 11:10 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 1406 Mitglied seit 31.05.03
|
Danke Guy, dass du dich zur Abwechslung mal um die Besprechung eines Filmes kümmerst und nicht den lieben langen Tag virtuelle Bälle hin- und herwirfst.
Eine gute Übersicht, deine Kritik - hat mich darin bestätigt, mir den Film auf jeden Fall im Kino anzusehen; gerade der Aspekt, dass die Welle in diesem Fall eine gesellschaftlich relativ gesicherte Schicht erfasst (erfassen kann), finde ich sehr reizvoll. |
|
Guy79
16.03.08 - 13:05 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Hallo ulysses,
"zur Abwechslung" trifft schon zu, da ich nach etwa einem Jahr hiermit meine erste Filmkritik abliefere. Falsch ist aber, dass ich mich an diesen bescheuerten Zweitnick-Selbstbeweihräucherungsdiskussionen beteilige. (meine Meinung)
On Topic:
Ich weiß nicht, inwieweit du mit der Buchvorlage vertraut bist. Solltest du das Buch nicht kennen, sei es dir natürlich wärmstens empfohlen, aber es ist, meiner Meinung nach, nicht notwendig, um diesen Film vollends zu erfahren.
Dennis Gansel tut in meinen Augen das einzig richtige, indem er sich nicht strikt an die Vorgaben hält, sondern seine eigene, ganz persönliche Note hinzufügt. Und indem er auch klar ausführt, in welcher Schicht der Gesellschaft er "Die Welle" stattfinden lässt, erlangt der Film noch einen größeren Reiz, da er somit vor allem auch im Hinblick auf den historischen Kontext, wie es vor etwa 70 Jahren ebenfalls vorlag, eben nicht nur die strukturschwachen Bevölkerungsschichten in dieses Szenario mit einbindet, sondern eben auch die, die es eigentlich "besser wissen müßten". Und indem er die Machtzentren an Personen verteilt, die eine archetypische Stellung in der Gesellschaft und Gemeinschaft haben, kann dieses Experiment eigentlich nur funktionieren. Eben zu gut funtionieren.
Aber ich will dir nicht mehr verraten. Würde mich freuen, wenn wir nach deiner Sichtung dieses Films hier weiter darüber diskutieren könnten. |
|
ulysses everett
16.03.08 - 13:17 Uhr
Status: Filmexperte
geschrieben: 1406 Mitglied seit 31.05.03
|
Nein, ich meinte damit, du bist einer der wenigen, die sich hier (ausschließlich) filmbezogen melden. Es ist schon etwas frustrierend gerade hier, weil im Logbuch nur Geplänkel angezeigt wird, das recht wenig bis gar nichts mehr mit Filmen zu tun hat (wobei ich mich auch nicht ganz davon freisprechen kann, jetzt aber versuchen werde, das einfach zu ignorieren.).
Ich habe die erste Filmversion vor Urzeiten gesehen und war recht verstört - ja, genau dieses "eigentlich-besser-wissen-müssen" meinte ich, und ich werde mich, sobald ich den Film gesehen habe, hier noch einmal melden. |
|
John Shooter
16.03.08 - 14:28 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 3279 Mitglied seit 13.06.04
|
Schöne Kritik, habe den Film aber nicht gesehen und habe es trotz des Lobes auch eigentlich irgendwie gar nicht vor.
Fand nämlich die erste Filmversion schon nur schwer erträglich, weil man so genau weiß, auf was es hinaus läuft. Na klar, das ist alles wirklich passiert, aber trotzdem fand ich das alles zwar schockierend, aber nicht ergreifend, um es mal so auszudrücken. Nach der Sichtung des Trailers (ich mag Jürgen Vogel) kommt es mir so ein bisschen so vor, als sei da schlicht noch einer draufgesetzt worden. "Das Expirement gerät außer Kontrolle" und das sieht man dann, stundenlang. Kann interessant sein, und auch wenn du mir die Angst fast genommen hast, fürchte ich, dass das alles irgendwo zu voraussehbar und klischeebelastet ist. Lasse mich natürlich gerne vom Gegenteil überzeugen, aber das wohl erst auf DVD. |
|
Guy79
16.03.08 - 14:33 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Danke für das Lob, John.
Ich kann mich nur noch schemenhaft an die Buchvorlage erinnern und habe auch die andere Verfilmung nicht gesehen, aber das Ende von "Die Welle" (Film) erwähnte ich ja, und wie es mich wie mit einem Hammerschlag getroffen hat.
Vielleicht überlegst du es dir ja noch. Lohnt sich auch im Kino sehr, der Film. Denke, da könnte einiges an Atmosphäre auf DVD verloren gehen. |
|
Thorongil
16.03.08 - 15:15 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5357 Mitglied seit 13.09.04
|
Mir geht es ähnlich wie John. Habe damals in der Schule den Film gesehen, ohne das Buch zu kennen. Möchte mir eigentlich die Aufregung über doofe Schüler ersparen (da hat mir "Printessinnenbad" letztes Jahr schon gereicht) und befürchte ebenso Vorhersehbarkeit. Dass Gansel das Thema clever in die heutige Zeit transportiert, spricht sicher für den Film. Werde mir aber sicher die DVD mal leihen. Schön, mal wieder etwas von Dir zu lesen ;-) *! |
|
Guy79
16.03.08 - 15:30 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Hallo Thoro, danke für den *. (hoffe, der ist ernst gemeint)
Möchte mir eigentlich die Aufregung über doofe Schüler ersparen [..]
Eben darum geht's doch bei "Die Welle", dass es eben keine doofen Schüler sind, sondern kritische Individuen mit Zweifeln, aber eben auch einem Verlangen nach Anerkennung. Durch die tolle Figurenzeichnung, die durch einen Max Riemelt, einen Frederick Lau und eine Jennifer Ulrich mit hervorragenden Jungschauspielern herüberkommt, wird "Die Welle" doch erst so tragisch. Weil es eben nicht dumme, "verlorene" Kids sind, sondern Identifikationsfiguren, die man so selber aus Schulzeiten kennt, oder von denen man sogar selber einer war.
Dass Gansel das Thema clever in die heutige Zeit transportiert, spricht sicher für den Film.
Das war in meinen Augen das einzig richtige, was er machen konnte. Es hätte altbacken gewirkt, wenn dem Film ein gewisses 80er- oder 90er-Flair angehaftet hätte, aber eben weil die Kids von Paris Hilton, Horst Schlämmer und MySpace reden, ist das ganze Thema topaktuell. Es geht genau die Probleme an, wie sie jetzt in Deutschland vorherrschen, und nicht vor 10, 20 Jahren.
Hm, ich kann euer Argument verstehen, dass ihr reserviert seid, aber ich kann von meiner Warte aus sagen, ihr verpasst einen ganz tollen Kinofilm.
|
|
D.C.L.
16.03.08 - 15:40 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 4360 Mitglied seit 10.01.04
|
Fand das Buch nicht zuletzt deswegen so klasse, weil es so "involvierend" geschrieben ist, dass ich jeden einzelnen Schritt des Lehrers komplett verstehen und nachvollziehen konnte, was natürlich am Ende umso perfider gewesen ist. Habe dahingehend an den Film dank Jürgen Vogel große Hoffnungen und leise Zweifel, die ich aber in jedem Fall mit einem Kinobesuch überprüfen will.
Schöne Kritik und schön, dass du mal wieder was schreibst!
Dafür gibt es einen vollkommen ernst gemeinten Stern.
D.C.L. |
|
Guy79
16.03.08 - 15:53 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Da bleibt mir nur zu sagen:
Ich wünsche dir viel Spaß beim Kinobesuch, gerngeschehen und vielen Dank.
|
|
D.C.L.
18.03.08 - 22:07 Uhr
Status: Insider
geschrieben: 4360 Mitglied seit 10.01.04
|
Wieder da.
Habe einen soliden Film gesehen, der an das Buch aus mehreren Gründen nicht heranreicht.
An die stereotypen Figuren hatte ich mich nach ein paar Minuten gewöhnt, muss wohl so sein, wenn man eine möglichst allgemeingültige Botschaft rüberbringen will. Schon wesentlich störender fand ich, dass anders als im Buch viel zu wenig auf die Motive des Lehrers eingegangen wurde. Wie bereits geschrieben, konnte ich dort alles nachvollziehen und verstehen, leider waren die viel zu wenigen Momente mit Jürgen Vogel nicht wirklich erhellend in dieser Hinsicht. Liegt vielleicht auch daran, dass man peinlich genau darauf geachtet hat, Wörter wie "Hitler" oder "Holocaust" zu vermeiden. Im Buch war es eben auch die Unfassbarkeit der im "dritten Reich" verübten Verbrechen, die den Lehrer beschäftigte, weswegen er dieses Experiment weniger als pädagogische Belehrungsmaßnahme - was im Film ganz zu Beginn und ganz am Ende durchscheint, zwischendurch hatte ich keinen blassen Schimmer, was Vogel denn nun genau antreibt - sondern eher als tatsächliches Experiment, bei welchem der Initiator selbst gespannt ist, wo es hinführt, gesehen hat.
Und am Ende hat der Film leider dann doch deutlich an Kredit verspielt.
Spoiler
Zum einen findet keinerlei Diskussion mit den Schülern statt. Das Argument, dass an der Welle nicht alles schlecht gewesen sei, wird in den Raum geworfen, eine Erwiderung bleiben der Lehrer und der Film schuldig. Somit traut der Film wohl - in meinen Augen in dieser Konstellation zurecht - nicht der Eindeutigkeit seiner Botschaft, weswegen der gehänselte Junge dann natürlich noch die Knarre ziehen muss.
Fand ich nicht allein deswegen so ärgerlich, weil der Amoklauf in meinen Augen nichts mit der Welle zu tun hatte, welche nur ein Ventil war. Diese - immerhin sehr gut gespielte - Figur war doch in ihrem maßlos überzeichneten Charakter eine tickende Zeitbombe, die auch bei jeder anderen Enttäuschung hätte ausrasten können.
Spoiler
Ändert aber nichts daran, dass dies ein wirklich sehenswerter Film mit Diskussionspotentail ist.
D.C.L. |
|
LetThemEatCake!
30.03.08 - 15:41 Uhr
|
Intention und Aussage dieses Spielfilms sind aufgrund der öffentlichen Diskussion natürlich schon vor dem Kinobesuch klar gewesen. Auch finde ich, dass man über die Fragestellung des Films prima diskutieren kann, ohne dieses Werk gesehen zu haben. Und das ist dann mein erster Kritikpunkt: DIE WELLE hat nicht sonderlich viel zu bieten, was darüber hinaus ginge. Deshalb würde ich auch keine Sehempfehlung aussprechen. Fand es doch recht ermüdend, zwei Stunden lang mit ausufernder politischer Phrasendrescherei und Plattitüden genervt sowie mit klischeehaften, sehr papieren wirkenden Figuren gelangweilt zu werden. Eine emotionale Verbindung zwischen Zuschauer und Figuren/Leinwandgeschehen wird nicht aufgebaut. Leider kann man DIE WELLE nur als belehrendes politisches Aufklärungskino wahrnehmen, welches nur auf intellektueller/gedanklicher Ebene funktioniert, da es sich scheut, wirkliche Gefühle und wirkliche Unterhaltungswerte zu liefern. Es ist bloß ein Gedankenspiel, ein unausgereiftes noch dazu, weil es die psychologischen Gründe für die jugendliche Begeisterung und die schnelle Entwicklung des Experiments zur Obsession nur behauptet, nicht aber nachvollziehbar entwickelt. Ferner ist die Konzeption des Plots uneben: Das ausgiebige Zeigen der sozialen Strukturen dieser Schulklasse in der ersten halben Stunde des Films spielt für die spätere Eskalation des Experiments keine sichtbare Rolle, da Zweites nicht mit Erstem begründet wird; da läuft vieles ins Leere. Das wirkt alles nicht sehr natürlich und wahrhaftig, sondern eher verkopft und nach einer am Reißbrett konstruierten Erzählung. Handwerklich ist der Film gelungen, teilweise recht kreativ, doch leider vermag die Form den Inhalt nicht bereichernd und keine involvierende Wirkung entfalten. Störend empfand ich auch die bisweilen stark ausgeprägte, wenig subtile Holzhammer-Mentalität. Auch ist das Ganze völlig überambitioniert, thematisiert beispielsweise überflüssigerweise Dinge wie Schulmassaker/Amokläufe, damit die Schulklassen, die mitsamt Lehrer ins Kino pilgern, hinterher auch ja viel Diskussionsstoff für den Unterricht haben. Hilfe. Kino soll gedankenanregend sein, ja. Aber wenn Filmemacher dem Trugschluss erliegen, Kino habe einen Bildungsauftrag und das Multiplex sei ein Hörsaal, dann bestätigen sich alle Vorurteile gegenüber deutschem Film.
P.S.:
Und die Sophie Scholl-Analogie mit den Flugblättern war wirklich nur zum Augenverdrehen. |
|
Guy79
30.03.08 - 16:29 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Ich versuch's mal so gut es einhändig eben geht (Hand verletzt):
Intention und Aussage dieses Spielfilms sind aufgrund der öffentlichen Diskussion natürlich schon vor dem Kinobesuch klar gewesen.
Und wer das Buch kennt, der wird dir zustimmen.
Auch finde ich, dass man über die Fragestellung des Films prima diskutieren kann, ohne dieses Werk gesehen zu haben. Und das ist dann mein erster Kritikpunkt: DIE WELLE hat nicht sonderlich viel zu bieten, was darüber hinaus ginge.
Naja, warum sollte er auch? "K-Pax" hat ja auch nicht versucht, die Evolutionstheorie der K-Paxianer zu erklären. Dennis Gansel beschränkt sich eben auf die Buchvorlage und betritt nicht irgenein fremdes Terrain. Finde ich in Ordnung.
Fand es doch recht ermüdend, zwei Stunden lang mit ausufernder politischer Phrasendrescherei und Plattitüden genervt sowie mit klischeehaften, sehr papieren wirkenden Figuren gelangweilt zu werden. Eine emotionale Verbindung zwischen Zuschauer und Figuren/Leinwandgeschehen wird nicht aufgebaut.
Fand ich jetzt nicht so. Sicherlich wird mit stereotypen Figuren gearbeitet (wobei man auch über die eigentliche Rolle des Lehrers im Film diskutieren könnte, über dessen Motive), aber es hilft doch, klare Verhältnisse zu schaffen. Das Buch verwendete auch Stereotype.
Leider kann man DIE WELLE nur als belehrendes politisches Aufklärungskino wahrnehmen, welches nur auf intellektueller/gedanklicher Ebene funktioniert, da es sich scheut, wirkliche Gefühle und wirkliche Unterhaltungswerte zu liefern. Es ist bloß ein Gedankenspiel, ein unausgereiftes noch dazu, weil es die psychologischen Gründe für die jugendliche Begeisterung und die schnelle Entwicklung des Experiments zur Obsession nur behauptet, nicht aber nachvollziehbar entwickelt.
Diese Meinung teile ich nicht, kann sie aber verstehen.
Ferner ist die Konzeption des Plots uneben: Das ausgiebige Zeigen der sozialen Strukturen dieser Schulklasse in der ersten halben Stunde des Films spielt für die spätere Eskalation des Experiments keine sichtbare Rolle, da Zweites nicht mit Erstem begründet wird; da läuft vieles ins Leere.
Manchmal. Hier hätte Gansel sicher noch klarer drauf eingehen können. Mir zeigt er aber einen Schüler mit Migrationshintergrund, der nirgeds dazugehört und einen von allen verlachten Loser, dem dasselbe Schicksal widerfährt. Plötzlich gehören die beiden Dank der "Welle" aber dazu. Ist das nichts?
Das wirkt alles nicht sehr natürlich und wahrhaftig, sondern eher verkopft und nach einer am Reißbrett konstruierten Erzählung.
Hm, find ich nicht. Mir hat das jedenfalls ausgereicht, um die Absicht hinter dem Film zu erkennen.
Störend empfand ich auch die bisweilen stark ausgeprägte, wenig subtile Holzhammer-Mentalität.
Bitte ein Beispiel.
Auch ist das Ganze völlig überambitioniert, thematisiert beispielsweise überflüssigerweise Dinge wie Schulmassaker/Amokläufe, damit die Schulklassen, die mitsamt Lehrer ins Kino pilgern, hinterher auch ja viel Diskussionsstoff für den Unterricht haben. Hilfe.
Finde es gut, wenn ein Film die Gedanken für eine solche Diskussion anregt. Gerade weil so etwas vermehrt nun auch in Deutschland passiert. Willst du das "Die Welle" wirklich ankreiden?
Kino soll gedankenanregend sein, ja. Aber wenn Filmemacher dem Trugschluss erliegen, Kino habe einen Bildungsauftrag und das Multiplex sei ein Hörsaal, dann bestätigen sich alle Vorurteile gegenüber deutschem Film.
Glaubst du wirklich, Gansel unterliegt diesem Trugschluß? Und was für Vorurteile meinst du?
P.S.:
Und die Sophie Scholl-Analogie mit den Flugblättern war wirklich nur zum Augenverdrehen.
War scho etwas "too much", aber wie hättest du denn die Massen anders von der Falschheit des Experiments überzeugt, wenn nicht so? Immerhin wurden solche Auftritte wie Website und Schülerzeitung zensiert.
Fühl dich bitt durch mein Posting nicht angegriffen, aber ich finde, du siehst den Film ein bisschen zu eng. |
|
LetThemEatCake!
30.03.08 - 17:43 Uhr
|
Man wird sich doch noch fragen dürfen, was der Kinobesuch einem gebracht hat. Sicher, man erkennt die Absichten hinter dem Film, aber reicht mir das halt nicht aus, um DIE WELLE als "gut" zu bezeichnen. Wahrscheinlich haben wir Beide einfach unterschiedliche Vorstellungen davon, was Kino leisten muss und was Kino gut macht. Etwas mehr Verspieltheit, Lockerheit und Emotionalität hätte dem Ganzen nicht geschadet und stünde -- bei guter Umsetzung -- auch nicht im Widerspruch zu den behandelten Sujets.
Dass der Film belehrend und plakativ ist, finde ich schon. Mal ehrlich, dass da gewisse Dialogzeilen nicht auch noch mit erhobenem Zeigefinger aufgesagt worden sind, ist das einzig positive. Ich schätze nun mal keine verkopften, recht steifen deutschen Filme. Mag bei mir eine Frage der Mentalität sein, aber wenn ich so etwas wie DIE WELLE oder FETTE JAHRE sehe, dreht sich in mir alles um.
Ja, Schulmassaker sind ein Thema auch in Deutschland, nur muss man einen Spielfilm nicht auf Teufel komm raus mit diversen sozialen und politischen Themen voll stopfen (besonders, wenn sie nicht wirklich vertieft werden), damit er ja auch genug Diskussionspotential bietet.
Kein Grund sich für das Posting zu entschuldigen, Guy. Es klang doch nicht ruppig, sondern sehr moderat. Und Gute Besserung für Deine Hand. :-) |
|
LetThemEatCake!
30.03.08 - 20:06 Uhr
|
P.S.:
"War scho etwas "too much", aber wie hättest du denn die Massen anders von der Falschheit des Experiments überzeugt, wenn nicht so? Immerhin wurden solche Auftritte wie Website und Schülerzeitung zensiert. "
Ich hätte die Polizei gerufen und ein paar Anzeigen gestellt. Von mehrfacher Nötigung, Hausfriedensbruch, Mitführen einer Schusswaffe bis hin zu Verstoß gegen MtMG wäre da alles dabei. Weiß nicht, wo das Problem sein soll, den debilen Umtrieb zu beenden.
Deshalb hinkt auch die Sophie Scholl-Analogie völlig. Es ist etwas anderes, ob jemand (Scholl) gegen die staatliche Ordnung (NS-Regime) rebelliert oder ob jemand (die Tussie in vorliegendem Film) sich gegen eine Gruppe Gesetzesbrecher (Die Welle) auflehnt, wofür ihr rechtsstaatliche Mittel zur Verfügung stünden, wenn sie denn wollte. Auf diese nahe liegende Idee darf sie aber nicht kommen, weil das die Intentionen des Drehbuchs unterminieren würde. Ein weiteres Beispiel dafür, wie wohlfeil und mit Scheuklappen dieser Plot konstruiert wurde, damit er so aufgeht wie er aufgehen soll. Bildungskino mit hehren Botschaften um jeden Preis. |
|
Guy79
30.03.08 - 20:26 Uhr
Status: Citizen Kane
geschrieben: 5399 Mitglied seit 25.02.02
|
Cake, jetzt sprengst du aber jeglichen filmischen Rahmen. Das hätte nicht nur bei "Die Welle" nicht funktioniert, das hätte so in keinem Film funktioniert. (außerdem geht's nicht darum, was du getan hättest, da hätte ich meine Frage besser formulieren sollen, weniger rhetorisch.)
Soweit ich mich erinnere, hatte die junge Schülerin schon mal keine Ahnung, dass Schusswaffen im Spiel waren, da sie nicht bei der Szene mit den Punkern dabei war, und sonst nur zum Ende hin eine gezeigt wurde. Und nicht einmal bei der Veranstaltung in der Aula war sie dabei.
Sie hätte sicherlich zu Polizei gehen können, aber sie hat sich an ihren Lehrer gewendet, und ihn gebeten, das Experiment zu beenden. In diesem Falle ist er immer noch die erste Person, an die man sich in so einem Falle zu wenden hat.
Ich sehe aber leider, dass unsere Argumentation unter zwei gegensätzlichen Vorzeichen zu stehen scheint, denn was ich dem Film klar zugute halte, nämlich auch das Ende, in dem dann nämlich die Polizei auch eingeschaltet wird, und das auch völlig zurecht, wenn auch zu spät, tust du leider nur als "wohlfeil konstruiert" und "Bildungskino mit hehren Botschaften" ab.
Vergessen wir doch vor allem nicht, dass es sich hier um filmische Fiktion handelt, mit überzeichneten Figuren gearbeitet wird, und dass "Die Welle" nicht der Realität entspricht, sondern zum nachdenken anregen soll. Dem Film allerdings etwas zu unterstellen, was er gar nicht darstellen will; da wendest du dich besser an Dennis Gansel.
Ich versuche hier nicht, "Die Welle" auf Teufel komm raus zu verteidigen, aber deine gebrachten Argumente sind in diesem Film einfach nicht anwendbar. Sind in dieser Geschichte nicht anwendbar. |
|
LetThemEatCake!
30.03.08 - 21:05 Uhr
|
Dass sie *überall* dabei war, ist ja gar nicht die Voraussetzung, etwas zu unternehmen. Sie weiß ja genug. Es ging ja auch nur um die Feststellung, dass der Sophie Scholl-Vergleich völlig hinkt. Freilich hatte das Mädel rechtstaatliche (Polizei) sowie schulische (Direktorin, Schulamt) Mittel zur Verfügung. Der Film ignoriert dies aber und stellt es so dar, als sei die einzig mögliche Form des Widerstandes ein Sophie Scholl-mäßiges Verteilen von Flugblättern. Diese wohlfeile, völlig herbei geprügelte Analogie ist doch einfach lachhaft, meiner Meinung nach.
"Vergessen wir doch vor allem nicht, dass es sich hier um filmische Fiktion handelt, mit überzeichneten Figuren gearbeitet wird, und dass "Die Welle" nicht der Realität entspricht"
Deshalb finde ich den Film auch irrelevant. Ein langweiliges, mit politischer Phrasendrescherei aufgepepptes Traktat über schulischen Gruppenzwang, das sich einbildet, die Entstehung einer Diktatur hinreichend zu beleuchten. Tut es aber nicht. |
|
Larrs
03.05.08 - 14:10 Uhr
Status: Meinungsmacher
geschrieben: 185 Mitglied seit 18.12.05
|
Ich sehe es wie cake!
Betarchtet man den Film genauer, ist es eigentlich ein ziemlich hirnrissiger Blödsinn. Ich finde es schade, dass viele wohl meinen, aufgrund unserer Vergangenheit den Film gut finden zu MÜSSEN! Ist ja der Renner in den Programmkinos. Zumindest in dem was ich besuche. Da hocken immer einige ach so kluge Studenten, die über Manstreamkost alla Bond herziehen.
Bond wird zumindest den Ansprüchen des Genres gerecht, an dem er sich messen lassen muss. Die welle ist einfach nur gut gemeinter Humbug. Pathetisch, übertrieben, unglaubwürdig, peinlich. |
|